Erfurt international: Wenn engagierte Ehrenamtler sich selbst überlassen werden

Erfurt ist bunt, Erfurt ist international, Erfurt ist kinderfreundlich. Erfurt ist vieles. Erfurt ist bestimmt auch mehr als man denkt. Aber Parolen sind schnell gesagt und es bleibt wohl immer die Frage: Geht es hier um Engagement oder nur um schöne Floskeln?

Beliebt sind vor allem die schönen Ecken von Erfurt, hübsch abgelichtet und in Szene gesetzt, dokumentiert und auf Instagram, Facebook und Co. zur Schau gestellt, schnell noch die hip(p)sten Hashtags #erfurtstagram #ig_erfurt #erfurtcity #iloveerfurt getippt – das bringt Likes und Follower. Genauso verhält es sich mit „coolen“ Veranstaltungen, am besten dort wo sich die Erfurter Hipster-Szene tummelt – da wo es „trendy“ und „in“ ist, dort kann man sicher gut werben und den ein oder anderen Groschen verdienen – wenn nicht, dann lässt sich zumindest in den sozialen Medien ein bisschen Aufmerksamkeit abstauben.

Doch wo bleiben die ganzen Erfurt-Seiten und hippen Influencer mit ihren Followern und Abonnenten, wenn es darum geht zu zeigen wie bunt und tolerant Erfurt wirklich ist? Denn wirklich bunt sind die Menschen nicht durch bedruckte Jute-Beutel, sondern jenseits von „I love Erfurt“ Aufdrucken. Wirklich cool sind diejenigen, die zur Tat schreiten, wenn es im richtigen Leben darum geht der Flüchtlingsdebatte die Stirn zu bieten und zu zeigen, dass Migranten und ihre Kinder hier Willkommen sind.

So viele Akteure auf Instagram und Co. beschäftigen sich tagtäglich mit Erfurt: hier die Krämerbrücke, dort das Riesenrad oder Oktoberfest auf dem Domplatz – hübsche Impressionen, die sowohl Erfurter als auch Besucher zu Genüge kennen. Für einen Hinweis zu einer interkulturellen Veranstaltung mit positiver Botschaft für unsere Erfurter Kinder, welche auf den Schultern ehrenamtlichen Engagements gebaut wird, reicht die ganze Erfurt-Berichterstattung aber leider nicht.

Am 29.09.2018 fand anlässlich des Weltkindertags auf dem Anger Erfurt das Interkulturelle Kinder- und Jugendfest statt. Organisiert wurde es vom Bündnis „Auf die Plätze“ und zahlreichen Helfern, Vereinen, Parteien und Künstlern – und zwar ehrenamtlich. Sowohl die Organisatoren, als auch wir versuchten möglichst viele Akteure mit ins Boot zu holen. Oftmals reicht schon ein Kommentar, ein Post, Blog-Artikel oder ein Foto vor Ort, um mehr Aufmerksamkeit zu generieren – und bedeutende Veranstaltungen weiterzutragen. Doch das setzt Interesse und Wertschätzung voraus. Dies fehlte leider auch auf Seiten der Presse und Mediendienste gänzlich. Auf die Veranstaltung hinweisende offizielle Pressemitteilungen des Bündnisses fanden bei den Thüringer Zeitungen und lokalen Radiosendern keine Beachtung. Man sah offensichtlich nicht mal die Notwendigkeit auf die Mitteilungen zu antworten.

Lediglich Radio F.R.E.I. brachte Interviews und Livemitschnitte. Danke an dieser Stelle dafür!  Die Thüringer Allgemeine verfasste immerhin nachträglich einen Bericht, der allerdings weder vollständig, noch motiviert daherkommt – und den Ansatz der gesamten Veranstaltung verfehlt. Kein Wunder, dass die Leserzahlen für Zeitungen massiv zurückgehen.

Es scheint so oft die gleiche Geschichte: Erfurt macht selbst unter den künstlichsten Filtern und Worthülsen noch einen sympathischen Eindruck – und lässt die Fan-Gemeinschaft wachsen. Der ideale Nährboden für Merchandise und trendige Floskeln. Mit Reichweite und Publikum geht aber auch Verantwortung einher. Und man sollte nie vergessen, dass das wirklich internationale Erfurt sich nicht auf irgendwelchen Smartphone-Schnappschüssen abbilden lässt, sondern sich im richtigen Leben mit richtigen Menschen abspielt, die lieber etwas tun – anstatt sich an den bereits vorhandenen Bildern der Stadt zu erfreuen.

03.10.2018 / Martin & Maria

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